Sonntag, 1. november 2009

Was für einer ich sei, fragte sie mich, der Beweis dafür, dass meine Strategie aufgegangen war. Sie stand vor meinem Pult und interessierte sich für mich, welch ein Erfolg. Aber ich war noch nicht an meinem Ziel, ein Kuss musste es sein, das war die Wette, die ich mit meinem Freund abgeschlossen hatte. Ich weiss, dass solche Wetten in schlechten Filmen vorkommen, das eroberte Mädchen weint dort, wenn sie von der Wette erfährt, sie verlässt ihn, tieftraurig, und er merkt erst jetzt, dass er sie zu lieben begonnen hat. Bei meiner Wette machte ich ihr nichts vor, ich verführte sie nicht, was auch kaum möglich gewesen wäre. Denn sie war umwerfend, sehr selbstbewusst und natürlich. Sie kam neu auf unsere Schule, sie rauschte wie ein Wirbelwind in unsere Klasse, sie war so ganz anders als die anderen Mädchen. So konnte sie sich während einer Plauderei auf das Pult legen, um sich lasziv zu räkeln, gleichzeitig gab sie uns irgendwie zu verstehen, dass dies kein Versprechen war für das, was uns durch die Sinne fuhr. So waren wir alle ein wenig verliebt in sie, nur die Mädchen zogen sich verunsichert zurück, sie hatten noch keine Strategie gefunden. Auch ihnen war die Neue nicht unangenehm, eher nachahmenswert. Da schlossen wir diese Wette ab, mein Freund und ich. Er kümmerte sich sogleich um sie, half ihr allüberall, blieb immer in ihrer Nähe, lieh ihr seine Schreibstifte aus und gab ihr von seiner Pausenverpflegung ab. Er war geschickt, jedenfalls besser als alle anderen, denn sie war bald am liebsten in seiner Nähe. Ich hingegen beachtete sie nicht, ich bewunderte sie nur, wenn sie es nicht bemerkte. Nach einer Woche war es so weit, sie stand vor mir und fragte mich, was für einer ich denn sei. Ich blieb an meinem Pult sitzen, schaute sie nur kurz an und brummelte etwas vor mich hin. Das bewog sie, sich ernsthaft für mich zu interessieren. Wir kamen in den Pausen ins Gespräch, über den Mittag in der Schule und manchmal nach dem Unterricht. Mein Freund fragte schon nach dem Stand der Dinge, aber ich winkte ab, so weit sei es mit uns beiden noch nicht. Unsere Beziehung entwickelte sich, aber anders als geplant. Schon bald spazierten wir Hand in Hand durch die Stadt und suchten einen einsamen Ort, um uns zu küssen. Etwa dreimal gingen wir so auf die Suche, dann gaben wir es auf. Irgendwie war es uns zu wenig wichtig, denn irgendwie war uns etwas dazwischen gekommen. Aus unserer künstlichen Liebelei war eine echte Freundschaft geworden, unsere Gespräche trugen ihre Früchte, wir genossen eine gegenseitige, gelassene Vertrautheit. Unser anfängliches Desinteresse zeigte Folgen, ganz natürliche Folgen, denn richtig verliebt waren wir nie. Es machte uns nichts aus, denn ich war stolz, ihr Vertrauter zu sein, sie schätzte unsere Gespräche und die Umsicht meines Freundes. Wir blieben lange beste Freunde, alle drei. Wie gut, dass der Kuss dieser Wette bei keinem von uns zustande gekommen war. Zwischendurch fragte ich mich schon, wie es gewesen wäre, sie zu küssen. Uns sind immer viele Wege offen, es bleibt das Warum. Und wie weiss ich, warum ich welchen wähle? © der philosoph


von der philosoph
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Dienstag, 27. oktober 2009

Es nervte mich schon bei unserer zweiten Begegnung, als er mein Motorrad nicht besah, nichts dazu sagte, er überging es einfach. Ich gab mir die grösste Mühe, darüber hinweg zu sehen, ich begrub meinen verletzten Stolz unter einem Riesenhaufen Erklärungen. Aber oben guckte immer noch dieses rote Schild raus, auf dem fett geschrieben stand, dass man das nicht tut. Wir hatten einige Bekannte zu einem Garagenfest eingeladen, darunter auch ihn mit seiner Frau, unsere Kinder gingen in die gleiche Klasse. Um in der Garage genügend Raum zu schaffen, musste ich alles rausstellen, meinem Motorrad gab ich den Ehrenplatz neben der Tür. Schon einige Wochen zuvor wechselten wir ein paar Worte miteinander und da kam heraus, dass wir beide ein Motorrad besassen. Natürlich fragte ich ihn nach Marke und Grösse und er nannte sie mit einem stolzen Lächeln. Ich äusserte einige ehrende Worte und schon damals geschah es, er fragte mich nicht dasselbe, er überging die Gegenfrage. Dann dieses Garagenfest mit seiner Ignoranz, dabei hatte ich mich darauf gefreut, dass er zu mir kommen und mich und mein Motorrad ehren würde. Wie gesagt, ich sah darüber hinweg, er war kein unsympathischer Mensch. Spät an diesem Abend vereinbarten wir, dass wir zusammen eine kleine Tour machen wollten, wir zwei auf unseren Motorrädern. Ich freute mich darauf, nahm mir aber fest vor, nichts mehr zu seinem Motorrad zu sagen, es zu übergehen, wie wenn das normal wäre: Man sieht dem anderen seine schönen Dinge und ehrt sie nicht. Schrecklich. Der Tag kam näher und als er da war, fuhr ich selbstbewusst vor sein Haus und klingelte. Mit einer unglücklichen Vorahnung bemerkte ich, dass seine Frau mir die Türe in Motorradkleidern öffnete. Prompt erklärten sie mir, dass sie mitfahre, ob es mir nichts ausmache. Hilflos verneinte ich, ich konnte ja nicht einmal lautlos formulieren, warum sie mich störte. Als wir dann los gefahren waren, wurde mir klar, dass die nächsten Stunden nicht mein Stil waren. Wenn ich zwischendurch meine Lebenslust am Gasgriff ausliess, musste ich an der nächsten Kreuzung zu lange auf die beiden warten. Aber irgendwie fand auch dieser Nachmittag sein Ende, und nachdem ich mich demonstrativ zufrieden von ihnen verabschiedet hatte, musste ich, nur kurz, eine schnelle Runde unter meine Räder legen. Damit ich es spüren konnte: diese bullige Kraft, diese beängstigende Kurvenneigungen, dieser befreiende Gegenwind. Vielleicht hat auch er sie erspürt, unsere unterschiedliche Art. Jedenfalls blieb von da an das Thema Motorrad unerwähnt. Und ich, ich bin noch anspruchsloser geworden, das habe ich daraus gelernt, mit einem tiefen Seufzer. © der philosoph

von der philosoph
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Montag, 12. oktober 2009

Es war mir egal, ob dies mein geliebter Wagen war, ich umrundete ihn wutentbrannt und trat leise vor mich hinfluchend immer wieder gegen Räder und Blech und Stossstangen. Ihm machte dies nichts aus, es war ein sehr alter Wagen, das Blech war dick, er hatte eine dicke Haut, aber ich nicht. Dazwischen schweifte mein Blick in die Runde, kein anderer Wagen in Sicht, nur eine kahle, unendlich weite Hochebene, eine schmale Strasse und meine Bekannte, mit der ich diese Reise durch England unternahm. Sie stand stumm etwas abseits, ausserhalb der Reichweite meiner wütenden Gedanken. Ich beschuldigte sie keineswegs, es war mein Fehler, dass ich den Schlüssel im Wageninnern eingeschlossen hatte. Und es war mein geliebter Wagen, bei dem dies geschehen konnte, deswegen trat ich ihn. Wir wollten ein wenig diese Weite auf uns wirken lassen, einige Schritte gehen nach der langen Fahrerei. Kurz zögerten wir, ob wir die Jacken wohl brauchten, und sie wollte ihre Tasche im Wagen lassen, schon war es geschehen. Der Schlüssel steckte im Zündschloss, der Zweitschlüssel in ihrer Tasche, beide hatten wir die Türknöpfe nach unten gestellt und die Türgriffe beim Schliessen gedrückt gehalten. Der Wagen hatte nur zwei Türen, und die waren jetzt geschlossen. Längst hatte ich erkannt, dass für eine zu lange Zeit kein Auto vorbeifahren könnte, dass ein Marsch zum nächsten Haus vielleicht Stunden dauern könnte. Und es ärgerte mich andererseits, dass schon bald ein Wagen am Horizont auftauchen könnte, und dass das nächste Haus gar nicht so weit weg sein könnte. Auch wusste ich längst, dass mein Toben keine Schlösser öffnen konnte. Aber ich fand meine ungehaltene Reaktion der Situation angemessen, dazu machte ich so meinem Denkapparat klar, dass die Lage ernst war, er sollte zu Höchstleistungen angeregt werden. Ich hörte auf zu treten, denn schon suchte es in meinem Kopf nach allen Möglichkeiten, diese verfahrene Situation zu lösen. Draht, ein Stück Draht musste her, aber weit und breit war kein Zaun zu sehen. Anscheinend war dies kein Weideland, oder dann ohne Zäune. Ich suchte den Platz, auf dem wir geparkt hatten, minutiös Meter für Meter ab. Ueberall, wo Menschen gewirkt haben, liegt ein Stück Draht herum, sicher auch in dieser Einöde hier, hier wurde schliesslich einmal eine Strasse gebaut. Meine Bekannte schaute interessiert zu, nachdem sie sich wohl über meinen Gefühlswandel gewundert hatte. Mitfühlend suchte auch sie am Boden herum, irgendetwas, das helfen konnte. Ich war derart in mich gekehrt, dass ich sie nicht mit einbezog. Ich hatte den Schlamassel verursacht, ich alleine wollte uns da rausholen. Da, ich fand tatsächlich das wohl einzige Stück Draht im Umkreis von einigen Kilometern! Ich formte ein Ende zu einer Rundung, dann packte ich den Fensterrahmen oben an der Türe, zog ihn mit aller Kraft heraus, es war ein alter Wagen, ich führte die Drahtschlinge ins Wageninnere zum Knopf, fing ihn ein, zog ihn hoch, das Schloss gab ein erlösendes Klicken von sich. Mit einem inneren Schmunzeln öffnete ich stolz die Türe, setzte mich hinein, entsperrte die Beifahrertüre und stiess sie auf. Meine Mitreisende trat zögernd heran und setzte sich leise in den Wagen. Ich startete den Motor und stumm fuhren wir los. Nur kurz sahen wir uns in die Augen, bis wir beide schmunzeln mussten. So fuhren wir ohne ein Wort einem anderen Ort der Weite entgegen. © der philosoph


von der philosoph
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Samstag, 10. oktober 2009

Ich weiss nicht mehr, wer von uns beiden diese verrückte Idee hatte. Es war an einem Samstag, wir hatten gut gegessen und einiges getrunken und im Gespräch sind Tommy und ich irgendwie auf Waffen gestossen. Ich hatte damals unter meinem Bett, in einer Ledertasche, zwei Pistolen. Die eine kaufte mir ein Onkel meiner ersten Freundin, weil er froh war, dass sich endlich jemand für seine Waffensammlung interessierte. Die andere, sie war kleiner, gab mir meine Oma, nachdem Opa gestorben war, sie wollte sie los werden. Diese Pistolen holte ich und wir führten unser Gespräch weiter, anschaulicher jetzt, mit einer Waffe in der Hand. Dann kam einer von uns auf die Idee, bewaffnet durch die Stadt zu gehen und bewaffnet in unserem Stammlokal einzukehren. Aufgeregt steckten wir die Pistolen in unseren Hosenbund, Tommy musste noch einen Gurt anlegen. Mit Pullover und Jacke darüber waren sie nicht sichtbar, notfalls konnten wir sie auch in die Jackentasche stecken. Aber das Gewicht der Pistole im Gurt zu spüren, das kalte Metall auf der Haut zu fühlen, das machte uns stark. Wir fühlten uns anders damit, sicherer, mutiger, sogar selbstbewusster. So schlenderten wir betont gelassen durch die Gassen, wir sprachen etwas lauter als sonst, wir sahen anderen direkter in die Augen. Wir waren ein wenig gefährlich, jetzt, fast wie in einem Film. Und es gefiel uns. Angelangt in unserem Stammlokal änderte sich dieses Gefühl. Tommy besuchte zuerst die Toilette, um seine Pistole in die Jackentasche zu befördern. Als er sich neben mich setzte, polterte die Waffe, immer noch in der Tasche, auf die Sitzbank, unseren Freunden fiel es zum Glück nicht auf. Von da an war es vorbei mit der Freude, die Waffen wurden uns zur Plage. Denn eines war uns klar geworden, wir wollten beide nicht, dass jemand merkte, was wir da auf uns trugen. Jeweils auf der Toilette suchten wir das beste Versteck für die Dinger. Steckte die Pistole im Gurt, so drückte sie und wir konnten uns nicht nach hinten lehnen, war sie in der Jackentasche, konnte sie leicht jemand entdecken, besonders als wir wegen Platzmangel enger sitzen mussten. So überlegen die Waffen uns zuvor gemacht hatten, so kindisch fühlten wir uns jetzt, wir schämten uns und konnten den Abend nicht geniessen. Jetzt wäre eine erneute Diskussion über Waffen interessant geworden: Wie die verschiedenen Umstände derart mit unseren Empfindungen spielten. Aber spätabends waren wir froh, als wir zu Hause unsere Last los wurden. © der philosoph


von der philosoph
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Dienstag, 6. oktober 2009

Ich war auf jeden Fall verliebt, und sie war es auf jeden Fall nicht, das ist mir in jener Nacht klar geworden. Ob sie mich ausgenutzt hat, ich glaube nicht, aber ich fühlte mich so. Angefangen hat die Geschichte schon viel früher, an einem Fest, das zu viert endete, mit langsamer Musik und engem Tanzen, wie das früher so üblich war. Sie tanzte mit mir, es blieb ihr keine andere Auswahl, aber schon damals meinte ich, sie meine mich. Genauso bei einem zweiten Fest, nur dass mein Freund und ich gar niemand anderen einluden als sie und ihre Freundin. Später einmal, ich war längere Zeit krank, besuchte sie mich, es war ein Freundschaftsbesuch von ihr, aber ein Hoffnungsschimmer für mich. Dann kam diese Nacht, ich war längst wieder gesund, ich fasste den Mut und rief sie an. Wir plauderten lange, auch davon, dass ich jetzt ein Auto hätte. Sie kam auf die Idee, dass ich sie besuchen könnte, jetzt an diesem späten Abend, mit meinem Auto, und ob sie einmal damit fahren dürfe. Ich war sofort dabei, fast eine Stunde Fahrt, was war das schon. Dafür durfte ich sie bewundern, mit ihr lachen, sie neben mir spüren. Und wenn ich ihr erlaubte, mit meinem Auto zu fahren, vielleicht hätte sie mich dann etwas lieber, vielleicht würde sie mich sogar lieben. Es war schon dunkel, eine flirrende Sommernacht, ich fuhr mit offenen Fenstern und flatternden Gefühlen möglichst schnell zum verabredeten Treffpunkt. Sie wohnte in einem Schlösschen in der Nähe eines Dorfes, sie kam aus reichem Haus. Bei einer Kreuzung nahe einer alten Mauer sollte ich warten, von dort tauchte sie auf, aus dem dunklen Nichts. Sie kam zum Auto gerannt, sie setzte sich neben mich, wir begrüssten uns mit einer schnellen Umarmung und schon bat sie mich, los zu fahren. Bereits nach einigen hundert Metern, sie beobachtete meine Hand- und Fussbewegungen genau, bettelte sie darum, selber fahren zu dürfen. Die ersten Startversuche misslangen, aber mit meiner Hilfe hatte sie es schnell begriffen und fuhr schon bald etwas eckig den hellen Flecken der Scheinwerfer hinterher. Meine Hand umklammerte derweil den Griff der Handbremse, für alle Fälle. Nach etwa zwanzig Minuten gelangten wir nach einer Rundfahrt wieder an den Ausgangspunkt zurück. Ein fragender Blick, ein hinreissendes Lächeln, wir starteten zur zweiten Runde. Nach der dritten Runde hatten wir beide genug, ihre Konzentration liess nach und meine Aengste nahmen überhand. Wir stoppten den Wagen dort, wo sie eingestiegen war. Ich drehte den Schlüssel und die Stille danach war lähmend, besonders weil ich nicht wusste, was jetzt geschehen würde. Da sass ich nun, in dieser lauen Sommernacht, mit ihr in meinem Auto, rundherum diese Stille, aber zwischen uns keine gemeinsame Romantik. Sie löste das Problem, indem sie mich fragte, wie viel Uhr es sei, es war nach ein Uhr. Sie erschrak, sie müsse zurück, sich ins Haus schleichen, sie bedankte und verabschiedete sich etwas schnell, ohne Umarmung, ohne Kuss, ohne die erhoffte Liebe. Ich schaute ihr nach, bis die dunkle Mauer sie verschluckte hatte. Noch eine ganze Weile sass ich da, alleine, ohne sie, in dieser lauen Sommernacht, in diesem Auto, das sie mit ihrer Anwesenheit angefüllt hatte. Dann fuhr ich wieder fast ein Stunde zurück, es war eine nachdenkliche Fahrt. Dass ich mich ausgenutzt fühlte, war mein Fehler, ich hatte berechnet und die Rechnung war nicht aufgegangen. Und sie, sie hatte sie auf alle Fälle genossen, diese Sommernachtsfahrt. Für beide war es endgültig. Nach dieser Begegnung sahen und hörten wir nichts mehr voneinander. © der philosoph


von der philosoph
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