Was für einer ich sei, fragte sie mich, der Beweis dafür, dass meine Strategie aufgegangen war. Sie stand vor meinem Pult und interessierte sich für mich, welch ein Erfolg. Aber ich war noch nicht an meinem Ziel, ein Kuss musste es sein, das war die Wette, die ich mit meinem Freund abgeschlossen hatte. Ich weiss, dass solche Wetten in schlechten Filmen vorkommen, das eroberte Mädchen weint dort, wenn sie von der Wette erfährt, sie verlässt ihn, tieftraurig, und er merkt erst jetzt, dass er sie zu lieben begonnen hat. Bei meiner Wette machte ich ihr nichts vor, ich verführte sie nicht, was auch kaum möglich gewesen wäre. Denn sie war umwerfend, sehr selbstbewusst und natürlich. Sie kam neu auf unsere Schule, sie rauschte wie ein Wirbelwind in unsere Klasse, sie war so ganz anders als die anderen Mädchen. So konnte sie sich während einer Plauderei auf das Pult legen, um sich lasziv zu räkeln, gleichzeitig gab sie uns irgendwie zu verstehen, dass dies kein Versprechen war für das, was uns durch die Sinne fuhr. So waren wir alle ein wenig verliebt in sie, nur die Mädchen zogen sich verunsichert zurück, sie hatten noch keine Strategie gefunden. Auch ihnen war die Neue nicht unangenehm, eher nachahmenswert. Da schlossen wir diese Wette ab, mein Freund und ich. Er kümmerte sich sogleich um sie, half ihr allüberall, blieb immer in ihrer Nähe, lieh ihr seine Schreibstifte aus und gab ihr von seiner Pausenverpflegung ab. Er war geschickt, jedenfalls besser als alle anderen, denn sie war bald am liebsten in seiner Nähe. Ich hingegen beachtete sie nicht, ich bewunderte sie nur, wenn sie es nicht bemerkte. Nach einer Woche war es so weit, sie stand vor mir und fragte mich, was für einer ich denn sei. Ich blieb an meinem Pult sitzen, schaute sie nur kurz an und brummelte etwas vor mich hin. Das bewog sie, sich ernsthaft für mich zu interessieren. Wir kamen in den Pausen ins Gespräch, über den Mittag in der Schule und manchmal nach dem Unterricht. Mein Freund fragte schon nach dem Stand der Dinge, aber ich winkte ab, so weit sei es mit uns beiden noch nicht. Unsere Beziehung entwickelte sich, aber anders als geplant. Schon bald spazierten wir Hand in Hand durch die Stadt und suchten einen einsamen Ort, um uns zu küssen. Etwa dreimal gingen wir so auf die Suche, dann gaben wir es auf. Irgendwie war es uns zu wenig wichtig, denn irgendwie war uns etwas dazwischen gekommen. Aus unserer künstlichen Liebelei war eine echte Freundschaft geworden, unsere Gespräche trugen ihre Früchte, wir genossen eine gegenseitige, gelassene Vertrautheit. Unser anfängliches Desinteresse zeigte Folgen, ganz natürliche Folgen, denn richtig verliebt waren wir nie. Es machte uns nichts aus, denn ich war stolz, ihr Vertrauter zu sein, sie schätzte unsere Gespräche und die Umsicht meines Freundes. Wir blieben lange beste Freunde, alle drei. Wie gut, dass der Kuss dieser Wette bei keinem von uns zustande gekommen war. Zwischendurch fragte ich mich schon, wie es gewesen wäre, sie zu küssen. Uns sind immer viele Wege offen, es bleibt das Warum. Und wie weiss ich, warum ich welchen wähle? © der philosoph
